Wo Vision und Mut zu Hause sind
Die Organe der chinesischen Medizin – Holz: Leber & Gallenblase
Herzlich Willkommen zum Auftakt einer Serie über die Organe der chinesischen Medizin. Wir beginnen dort, wo alles Wachstum seinen Ursprung hat – im Holzelement, bei der Leber und der Gallenblase - doch zunächst einmal:.
Was ist eigentlich ein Organ?
In der westlichen Medizin denken wir bei Organen des Körpers an physische Einheiten: eine Leber, ein Herz, ein Gehirn. Sie haben ihre Form, ihr Gewebe, ihre Messwerte.
Doch in der chinesischen Medizin sieht man etwas mehr: Jedes Organ ist auch eine Bewegung, eine Richtung, eine Kraft im Leben.
Das Herz ist nicht nur ein blutpumpender Muskel – es ist der Sitz des Bewusstseins.
Die Leber ist nicht nur eine Entgiftungsstation – sie ist der innere General, der unseren Träumen Struktur verleiht.
Die Milz ist nicht nur ein Anhängsel des Immunsystems – sie trägt unsere Gedanken, unser Gewebe und unsere Fähigkeit, uns zu konzentrieren.
In der chinesischen Medizin sprechen wir weiterhin von „Herz“, „Leber“, „Niere“ – aber wir meinen etwas anderes. Deshalb kann es verwirrend sein, wenn wir nicht klarmachen, worüber wir sprechen.
Wenn ich im Behandlungsraum sage „das Herz ist schwach“, meine ich kein körperliches Herzleiden, sondern einen Mangel in der Funktion, die das Herz nach chinesischer Logik trägt: Kontakt, Ruhe, Freude, Blutzirkulation und Präsenz.
Ich lade dich deshalb ein, für einen Moment die westlichen Bilder loszulassen. Denke nicht an Struktur – denke an Funktion. An Zusammenspiel. An innere Ökologie. An Gefühl und Richtung. Dann öffnet sich ein anderer Weg, den Körper – und dich selbst – zu verstehen.
Was sind Zang und Fu?
Die chinesischen Organe werden in zwei Hauptgruppen eingeteilt:
Zang (藏) – Yin-Organe: Leber, Herz, Milz, Lunge, Nieren, Perikard
Fu (腑) – Yang-Organe: Gallenblase, Dünndarm, Magen, Dickdarm, Blase, San Jiao
Die Zang-Organe speichern und nähren: Blut, Essenz, Gefühle und Geist.
Die Fu-Organe übernehmen Transport, Umwandlung und Bewegung.
Jedes Zang-Organ ist mit einem Fu-Organ gepaart. Sie bilden funktionelle Einheiten – das eine speichert, das andere bewegt. Gemeinsam halten sie den Rhythmus des Körpers, den Fluss der Flüssigkeiten, die Wärme, die Verdauung, die Gefühlsregulation und die Verbindung zur Außenwelt aufrecht.
Die Gebärmutter (子宫, Baogong) gilt als ein außergewöhnliches Fu-Organ – verbunden mit Blut, Essenz und den zyklischen Prozessen des Körpers.
Leber & Gallenblase – der General und die Kraft zur Ausrichtung
In der chinesischen Medizin heißt es, die Leber sei wie der General einer Armee. Sie steht nicht im Rampenlicht, sondern sorgt für Struktur, Überblick und Ordnung. Wenn sie ihre Arbeit gut macht, merken wir es kaum – wenn sie aus der Balance gerät, gerät das ganze System ins Stocken.
Die Leber sorgt dafür, dass Qi – die Lebensenergie – frei fließt. Das betrifft unseren Umgang mit Stress, die Verdauung, unsere Gefühle und den Menstruationszyklus. Wenn der Fluss stagniert, fühlen wir uns gereizt, angespannt, frustriert. Es ist, als würde das Leben selbst bremsen.
Außerdem speichert und reguliert die Leber das Blut. Nachts zieht sie es nach innen, tagsüber verteilt sie es in Muskeln und Gewebe. Für Frauen ist dieser Rhythmus besonders bedeutsam: Schwaches Leberblut kann zu unregelmäßigen oder schwachen Perioden führen. Auch Augen und Sehnen sind abhängig von einer gesunden Leberkraft.
Doch die Leber wirkt auch auf seelischer Ebene. In ihr wohnt Hun, die ätherische Seele – unsere Fähigkeit zu träumen, Visionen zu haben, nach vorne zu schauen. Ist Hun stark, wissen wir, was wir wollen, und spüren Sinn. Ist Hun schwach, verlieren wir Orientierung und Hoffnung.
Die Leber ist außerdem mit den Augen verbunden – sie sind ihre „Fenster“. Auch die Nägel spiegeln ihren Zustand: brüchige, spröde Nägel können ein feines Zeichen für Blutmangel in der Leber sein.
Die Gallenblase, die Yang-Partnerin der Leber, ergänzt diese Kraft. Sie ist diejenige, die Entscheidungen umsetzt, die uns Mut und Entschlossenheit schenkt. Funktioniert sie gut, können wir klar wählen und handeln. Ist sie geschwächt, bleiben wir stecken im Grübeln und Zögern.
Physiologisch unterstützt die Gallenblase die Verdauung. Doch die Klarheit ist nicht nur körperlich – sie betrifft auch unser Urteil, unsere mentale Schärfe. Wenn ihre Energie im Gleichgewicht ist, entscheiden wir ohne endloses Grübeln. Wir können weitergehen. Wenn sie schwächelt, bleiben wir stecken.
Gemeinsam sind Leber und Gallenblase ein inneres Führungsduo: Vision und Mut. Bewegung und Richtung. Der Traum von der Zukunft – und die Kraft, den ersten Schritt zu gehen.
Ausblick
🔜 Nächste Woche geht es weiter mit Teil 2: dem Feuer – Herz & Dünndarm.
Dieser Artikel ist kostenlos und für alle zugänglich.
📖 Für alle bezahlenden Mitglieder (9 €/Monat) erscheint am 01.09. das neue monatliche Workbook:
Darin tauchst du auf über 26 Seiten tief in das Erdelement ein – passend zur Jahreszeit, mit Theorie, Reflexionen, Übungen und Inspiration für deinen Alltag.
Herzlich willkommen zu dieser Serie – möge sie dir helfen, deinen Körper mit neuen Augen zu sehen.



