Gefühle im Spiegel der Chinesischen Medizin
In der Chinesischen Medizin wird der Mensch nicht nur als Körper gesehen, sondern als ein Geflecht aus Körper, Geist und Gefühlen. Alles ist in Bewegung, eingebettet in Rhythmen und Zyklen, die den Jahreszeiten, den Elementen und unseren inneren Organen entsprechen.
So wie Frühling, Sommer, Herbst und Winter einander ablösen, so entstehen auch Gefühle, wandeln sich und klingen wieder ab. In Harmonie ist dies ein ständiger Fluss, eine lebendige Bewegung, durch die Gefühle uns helfen, die Welt – und uns selbst – zu verstehen. In Disharmonie hingegen können Gefühle stagnieren – wir bleiben in Wut, Sorge, Trauer oder Angst gefangen und finden den Weg nicht mehr heraus.
Jeder Mensch trägt zudem eine Konstitution, eine persönliche Grundtendenz, die uns anfälliger dafür macht, in bestimmten Gefühlsmustern stecken zu bleiben. Gefühle zu verstehen – und ihre Verankerung im Körper – wird damit zu einem Schlüssel für Gesundheit und persönliche Entwicklung.
Gefühle und Organe
In der Chinesischen Medizin sind Gefühle und Organe untrennbar miteinander verbunden. Jedes Gefühl hat einen natürlichen Ausdruck und einen körperlichen Sitz. Sind die Organe stark und die Energie im Fluss, können Gefühle entstehen, sich wandeln und wieder vergehen.
Doch hier besteht eine Wechselwirkung:
Wird ein Organ geschwächt oder stagniert seine Energie, fällt es schwerer, mit dem zugehörigen Gefühl umzugehen – wir bleiben leichter in Wut, Sorge, Trauer oder Angst stecken.
Ebenso können langanhaltende, unbearbeitete Gefühle das entsprechende Organ schwächen und so auch die körperliche Gesundheit beeinträchtigen.
Diese Wechselwirkung macht es möglich, in der Chinesischen Medizin immer von beiden Seiten anzusetzen: indem man den Körper und die Organfunktionen stärkt, und indem man die Gefühle annimmt, reflektiert und transformiert.
Übersicht: Elemente – Organe – Gefühle
Holz – Leber & Gallenblase – Wut
Feuer – Herz & Dünndarm (sowie Perikard & San Jiao) – Freude
Erde – Milz & Magen – Sorge / Grübeln
Metall – Lunge & Dickdarm – Trauer
Wasser – Nieren & Blase – Angst
Gefühle in Harmonie und Disharmonie
Das Holzelement – Wut
In seiner gesunden Form ist Wut eine treibende Kraft, eine Energie, die uns hilft, Grenzen zu setzen und zu handeln, wenn etwas nicht stimmt. Sie ist wie die Kraft des Frühlings: durchbrechen, wachsen, Neues wagen.
In Disharmonie wird Wut zerstörerisch – entweder nach außen als Aggression und Reizbarkeit, oder nach innen als Stagnation und Bitterkeit. Bekommt sie kein Ventil, entsteht das Gefühl, festzustecken, unfähig zu wachsen oder voranzugehen. Eine Leber in Disharmonie zeigt sich daher oft in Muskelverspannungen, Kopfschmerzen oder einem inneren Gefühl des „Eingesperrtseins“.
Das Feuerelement – Freude
Die Freude gehört zum Herzen. Sie steht für Wärme, Verbindung, Inspiration und Sinn. Ist sie in Balance, erleben wir Lebensfreude und Zugehörigkeit.
In Disharmonie kann Freude übermäßig werden – als Rastlosigkeit, Schlaflosigkeit oder oberflächliche Euphorie – oder sie kann vollständig verschwinden, sodass Leere oder Sinnlosigkeit zurückbleiben. Der Rhythmus des Herzens gerät aus dem Takt, emotional wie körperlich.
Wichtig ist zu verstehen, dass Depression in der Chinesischen Medizin verschiedene Ursachen haben kann. Sie kann mit einem schwachen Herzen und fehlendem Feuer zusammenhängen, ebenso oft jedoch mit der Schwere des Erdelements (Milz und Grübeln), der Trauer des Metalls oder der Angst des Wassers – und sehr häufig mit einer Leber-Qi-Stagnation, bei der Gefühle feststecken und nicht mehr ins Fließen kommen. Depression gilt daher nicht nur als Problem des Feuerelements, sondern als Muster mit vielen möglichen Wurzeln.
Das Erdelement – Sorge / Grübeln
Die Erde steht für Nahrung, Stabilität und unsere Fähigkeit, uns selbst und andere zu versorgen. Das zugehörige Gefühl ist Sorge oder Grübeln. In Balance ermöglicht es uns, nachzudenken, zu reflektieren und echte Fürsorge zu entwickeln.
In Disharmonie werden Sorgen zu kreisenden Gedanken, Überanalysen, dem Gefühl, niemals zur Ruhe zu kommen. Die Energie der Milz wird geschwächt, was sich häufig in Verdauungsproblemen, Konzentrationsschwierigkeiten und dem Verlust von innerer Mitte und Erdung zeigt.
Das Metallelement – Trauer
Die Trauer gehört zur Lunge. Sie ist eine natürliche Reaktion auf Verlust, und wenn sie fließen darf, hilft sie uns loszulassen und neue Kraft zu finden.
Bleibt Trauer jedoch unverarbeitet, kann sie stagnieren und Schwere, Introvertiertheit und Atemnot hervorrufen – sowohl bildlich als auch körperlich. Die Energie der Lunge schwächt sich, das Immunsystem leidet, und Melancholie gewinnt die Oberhand.
Das Wasserelement – Angst
Das Wasser ist mit Tiefe, Ursprung und unserer Lebensessenz verbunden. Sein Gefühl ist die Angst. In Balance schützt sie uns – macht uns vorsichtig und wachsam, wenn es nötig ist.
In Disharmonie wird Angst überwältigend, irrational oder lähmend. Die Nieren, die unsere Lebensenergie tragen, werden geschwächt. Das zeigt sich in Erschöpfung, mangelndem Vertrauen und dem Gefühl, keinen festen Boden mehr unter den Füßen zu haben.
Mit Gefühlen arbeiten
Gefühle sind also zugleich ein Spiegel unserer inneren Balance und ein Weg zur Heilung. Mit ihnen zu arbeiten kann auf mehreren Ebenen geschehen:
Lebensstil und Ernährung – warme, nährende Speisen, die die Milz bei Sorgen stärken; grüne Gemüsesorten, die die Leber bei Stagnation unterstützen; mineralreiche Nahrung, die die Nieren kräftigt.
Reflexion und Bewusstsein – innehalten, Tagebuch schreiben, Gefühle bewusst anschauen statt vor ihnen zu fliehen.
Behandlung – Akupunktur, chinesische Kräuter und Körpertherapie können helfen, den Fluss zwischen den Organen – und damit zwischen den Gefühlen – wiederherzustellen.
Ausblick – Erdelement im Fokus
Für alle, die tiefer eintauchen möchten: Am 1. September erscheint das neue Workbook zum Erdelement – exklusiv für alle zahlenden Abonnent:innen.
Darin erforschen wir die Qualitäten der Erde in dir selbst – Stabilität, Nahrung, Fürsorge – und wie sie sich durch Reflexionen, Übungen und Rezepte stärken lassen.



