Was bedeutet Yin und Yang – eigentlich?
Teil 2 in der Artikelserie über die Grundlagen der chinesischen Medizin: über Balance, Gegensätze und den Rhythmus des Körpers
Was bedeutet Yin und Yang – eigentlich?
Fast jeder hat das Symbol schon gesehen. Schwarz und Weiß, in perfektem Gleichgewicht. Es dreht sich auf Yogamatten, Schmuck, Kleidungsstücken – und ebenso oft hört man jemanden sagen, etwas sei „zu viel Yang“ oder man „brauche mehr Yin“.
Doch was bedeuten diese beiden Worte wirklich?
Und was haben sie mit deinem Körper, deinen Gefühlen und deinem Leben zu tun?
In der chinesischen Medizin sind Yin und Yang nicht bloß Begriffe – sie sind eine Art, die gesamte Wirklichkeit zu verstehen. Alles, was wir erleben, fühlen, denken oder berühren können, lässt sich im Verhältnis dieser beiden Kräfte begreifen. Dabei geht es nicht um Gegensätze, die gegeneinander kämpfen, sondern um eine Beziehung, die auf Ausgleich, Wechselwirkung und ständiger Wandlung beruht.
Yin und Yang – ein Tanz, kein Konflikt
Am Anfang war nur Stille. Die tiefe Ruhe, das Dunkle, das, was Wuji genannt wird – das Grenzenlose. Daraus entsteht Taiji, die erste Bewegung. Sobald etwas in Bewegung gerät, entsteht Unterschied – hell und dunkel, innen und außen, kalt und warm. Dort beginnt Yin und Yang. Zwei Aspekte einer gemeinsamen Ganzheit. Nichts existiert ohne das andere.
In der klassischen Symbolik – dem Taijitu – wird das sichtbar:
Der dunkle Teil (Yin) trägt ein weißes Auge (Yang), und der helle Teil (Yang) trägt ein schwarzes Auge (Yin). Sie gebären einander, wandeln sich ineinander um und existieren nur in ihrer Beziehung zueinander.
Wie Tag und Nacht. Wie Ein- und Ausatmung.
„Wenn Yin zur Ruhe kommt, wird Yang geboren.
Wenn Yang seinen Höhepunkt erreicht, kehrt Yin zurück.“
Yin und Yang zu verstehen bedeutet, Wandel zu verstehen. Kein Zustand bleibt für immer – alles bewegt sich in Zyklen. Auch dein Körper.
Yin und Yang im Körper
Jedes Organ und jede Funktion des Körpers besitzt sowohl Yin- als auch Yang-Aspekte.
Yin steht für das Nährende, Aufbauende und nach innen Gerichtete – Yang für das, was antreibt, schützt und nach außen wirkt. Sie wirken in allen physiologischen Prozessen zusammen: in der Verdauung, der Blutzirkulation, dem Immunsystem, dem Nervensystem und vielem mehr.
Im nächsten Teil der Serie schauen wir uns genauer an, wie die einzelnen Organe in der chinesischen Medizin verstanden werden – und welche Rolle sie im Gesamtgefüge spielen.
Yin und Yang in Natur, Nahrung und Mensch
Yang ist:
Sonne, Feuer, Wärme
Bewegung, Aktivität, aufsteigende Kraft
Morgen, Sommer, Tag
Licht, Ausdehnung, Schnelligkeit
In der Ernährung: von Natur aus wärmende Lebensmittel wie Zimt, Ingwer, Knoblauch, Lammfleisch
– und Zubereitungsarten wie Schmorgerichte, Ofengerichte, Wok und Würziges.
Yang schenkt uns Energie, vertreibt Kälte, bringt das Blut in Bewegung und macht die Gedanken klar.
Yin ist:
Mond, Wasser, Kälte
Ruhe, Rückzug, Schwere
Abend, Winter, Nacht
Dunkelheit, Sammlung, Langsamkeit
In der Ernährung: von Natur aus kühlende Lebensmittel wie Birne, Gurke, Wassermelone, Tofu und grüner Tee
– sowie Zubereitungsarten wie Dämpfen, sanftes Kochen, Brei oder kalte Speisen.
Yin befeuchtet, baut auf, beruhigt, nährt und schenkt tiefe Regeneration.
Wenn Yin und Yang aus dem Gleichgewicht geraten
In der chinesischen Medizin spricht man von Mangel – das bedeutet nicht, dass etwas völlig fehlt, sondern dass es nicht mehr ausreicht, um Balance zu schaffen.
Unterschiedliche Organe können einen Yin-Mangel oder einen Yang-Mangel haben – je nachdem, welches Organ betroffen ist, zeigen sich sehr verschiedene Symptome.
Hier ein Überblick, wie solche Zustände sich allgemein anfühlen können:
Yin-Mangel
Wenn Yin zu schwach ist, fehlt die Kraft, Yang zu halten. Das kann führen zu:
Hitzewallungen, Schweißausbrüchen, innerer Unruhe
Trockenheit von Haut, Schleimhäuten, Augen
Schlafstörungen, Nervosität, Herzklopfen
nächtlicher Hitze
Yang-Mangel
Wenn Yang zu schwach ist, kann der Körper sich nicht mehr selbst wärmen. Das kann führen zu:
Müdigkeit, Frieren, kalten Händen und Füßen
träger Verdauung, Durchfällen, Wassereinlagerungen
nachlassendem Sexualtrieb, Depression, langsamer Stoffwechsel
schwacher Durchblutung
Was tun, wenn ich mich in Yin- oder Yang-Mangel wiedererkenne?
Das erste ist: zu erkennen, dass etwas aus der Balance geraten ist.
Das zweite – und vielleicht wichtigste – ist: dein Leben dem anzupassen, was du jetzt brauchst.
Bei Yin-Mangel
Vielleicht fühlst du dich rastlos, voller Wille, die Gedanken rasen – aber dein Körper ist trocken, warm, innerlich erschöpft.
Gerade dann wirkt Erholung oft schwer – doch genau das brauchst du.
Ohne Ruhe verbrennt das Feuer das Wenige, was noch da ist.
Wähle ein langsames Tempo. Sag Nein zu zu viel Reiz und Anspannung.
Yin-Yoga, Stille, sanfte Berührung, kühles Abendlicht.
Kehre in die Tiefe zurück, bevor es ausbrennt.
Bei Yang-Mangel
Hier fehlt die Kraft – im Körper wie im Willen. Vielleicht versuchst du, dich weiter anzutreiben, aber die Energie ist nicht da.
Du sollst dich nicht zwingen, aktiv zu sein – sondern die Aktivität an deine tatsächliche Energie anpassen.
Stärke dein Yang durch Wärme, Nahrung, Geborgenheit.
Wärmende Speisen, heiße Getränke, Wollkleidung, Wärmekissen – und, wenn möglich, auch Moxa.
Für Bezahlabonnent:innen
Am Wochenende erscheint exklusiv für alle Bezahlabonnent:innen der Artikel „Geschmack als Medizin“.
Darin erfährst du:
wie die fünf Geschmacksrichtungen in der chinesischen Medizin wirken,
wie du Lebensmittel nach Temperatur, Geschmack und Organbezug einordnen kannst,
und wie du dieses Wissen praktisch nutzen kannst, um deine Balance im Alltag zu stärken.
Zusätzlich erhältst du eine druckfreundliche Lebensmittelliste, die du direkt im Alltag einsetzen kannst – ein konkretes Werkzeug, um deine Ernährung gezielt nach Yin und Yang auszurichten.
Außerdem gehe ich detailliert auf Ungleichgewichte wie Yin-Mangel, Yang-Mangel sowie Kälte- und Hitze-Zustände ein – und darauf, wie du sie über Lebensweise und Ernährung beeinflussen kannst.
📘 Monats-Workbooks
Als Bezahlabonnent:in erhältst du außerdem jeden Monat ein rund 25–30-seitiges Workbook, das den Jahresrhythmus und die fünf Elemente der chinesischen Medizin begleitet.
Das nächste Workbook erscheint am 1. September – mit dem Fokus auf das Erdelement: seine Organe, Themen und Aufgaben.
Und: Es ist das erste Workbook auf Deutsch!
Wie immer enthält es vier Abschnitte – für jede Woche Theorie, Reflexion, Übung und Aufgabe.
Alle bisherigen Workbooks stehen dir ebenfalls zur Verfügung – du hast also jederzeit Zugriff auf das komplette Archiv.
👉 Bist du englischsprachig oder sprichst Schwedisch?
Alle Inhalte findest du auch hier:
English: rhythmsandroot.substack.com
Svenska: daokliniken.substack.com



