Tinnitus aus Sicht der chinesischen Medizin
Wenn der Körper hörbar wird
Tinnitus fühlt sich für viele Menschen rätselhaft an.
Ein Geräusch, das kommt und bleibt. Manchmal leise, manchmal durchdringend.
Oft ohne klare Ursache.
In der chinesischen Medizin wird ein solches Symptom nicht isoliert betrachtet.
Der Körper wird als lebendiges Ganzes verstanden – in Bewegung, in Beziehung, im Wandel.
Was sich zeigt, entsteht nicht zufällig an einem Ort, sondern aus einer inneren Dynamik.
Tinnitus ist aus dieser Sicht kein „Ohrproblem“.
Er ist die Sprache des Körpers, die hörbar wird, wenn etwas im Inneren aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Wenn ein Organ, ein Rhythmus oder eine innere Spannung nach Aufmerksamkeit ruft.
Dabei geht es um Zusammenhänge.
Um das Zusammenspiel von Lebensstil, Emotionen, Belastung und Substanz.
Die chinesische Medizin fragt daher weniger:
Wie bringen wir das Geräusch zum Schweigen?
Sondern vielmehr:
Was versucht der Körper gerade zu sagen?
Die Organe – innere Landschaften statt Einzelteile
Wenn in der chinesischen Medizin von Organen gesprochen wird, sind damit keine isolierten Körperteile gemeint.
Organe werden als innere Landschaften verstanden – als Funktionskreise, die Bewegung, Versorgung, Emotion und Rhythmus miteinander verbinden.
Ein Organ beschreibt nicht nur, was im Körper geschieht, sondern wie.
Wie Energie fließt.
Wie wir mit Belastung umgehen.
Wie wir regenerieren, verdauen, loslassen oder vorangehen.
So steht die chinesische Niere für Tiefe und Tragkraft.
Die Leber beschreibt Bewegung und Dynamik.
Die Milz hält die Mitte und sorgt dafür, dass Aufgenommenes verarbeitet werden kann.
Diese Funktionskreise stehen in ständiger Beziehung zueinander.
Gerät diese Balance über längere Zeit aus dem Gleichgewicht, beginnt der Körper, sich bemerkbar zu machen.
Nicht abrupt – sondern schrittweise.
Tinnitus ist oft genau dieser Punkt, an dem ein innerer Prozess hörbar wird.
Die Nieren – dort, wo Tiefe und Tragkraft wohnen
In der chinesischen Medizin beginnen viele Geschichten in der Tiefe.
Bei den Nieren.
Sie gehören zum Wasser.
Zu dem Teil in uns, der still ist, tragend, grundlegend.
Zu der Energie, die uns durch das Leben trägt – durch Wachstum, Wandel, Krisen und Regeneration.
Die Nieren bewahren unsere Grundsubstanz.
Das, womit wir ins Leben starten.
Und das, was wir im Laufe der Jahre pflegen – oder langsam verbrauchen.
Hier liegen mehrere Ebenen:
Jing als Essenz,
Yin als kühlende, nährende Substanz,
Yang als wärmende, bewegende Kraft
und Ming Men als inneres Lebensfeuer.
Wenn über längere Zeit mehr Energie abgegeben als aufgenommen wird,
wenn Erholung fehlt oder ein Schock den Körper erschüttert,
beginnt diese Tiefe langsam zu ermüden.
Nicht plötzlich.
Sondern leise.
Wenn Wasser dünn wird
Tinnitus, der aus den Nieren heraus entsteht, hört sich oft an wie ein Rauschen.
Wie Wellen.
Oder wie ein tiefes Brummen, das aus der Tiefe kommt und gleichmäßig im Hintergrund liegt.
Es ist kein aggressives Zeichen.
Eher ein müdes.
Ein Hinweis darauf, dass die tragende Kraft nach Unterstützung ruft.
Dass etwas zu lange getragen wurde – ohne Ausgleich.
Hier geht es um Stärken.
Um Schutz.
Um Aufbau.
Was den Nieren gut tut (praktisch)
Die Nieren sind in diesem Muster im Mangel.
Sie brauchen Nahrung, die nicht anregt, sondern versorgt.
Sie brauchen Wärme, Rhythmus und Regeneration.
Ernährung darf hier sehr bodennah sein: nährend, gekocht, substanzaufbauend.
Wenn du vegetarisch isst, können zum Beispiel hilfreich sein:
Wurzelgemüse, Wirsing und andere Kohlarten, dunkle Gemüse, Eintöpfe, Goji-Beeren.
Wenn du tierische Produkte isst, können auch dazugehören:
Fleisch in guter Qualität, langsam gekochte Gerichte, Kraftbrühen oder Knochenbrühen.
Lebensstil ist hier genauso wichtig wie Ernährung:
Schlaf vor Aktivität.
Pausen als Bestandteil des Tages.
Reizreduktion, wenn der Körper ohnehin schon laut geworden ist.
Die Nieren erinnern daran, dass Aufbau Zeit braucht.
Und dass der Lebensstil ein Teil der Medizin ist.
Wenn Bewegung stockt – die Leber und das aufsteigende Geräusch
Nach der Tiefe der Nieren folgt die Bewegung.
Die Leber gehört zum Holz.
Sie steht für Dynamik, Wachstum und den inneren Impuls, Dinge in Bewegung zu bringen.
Im heutigen Alltag wird genau diese Qualität stark gefordert: Termine, Verantwortung, Erwartungen, innerer Druck.
Wenn Bewegung keinen Raum mehr findet, beginnt sie zu stocken.
Energie staut sich.
Spannung baut sich auf – und steigt nach oben.
Wenn das Geräusch steigt
Tinnitus mit Leberbeteiligung klingt anders.
Oft hoch, spannungsvoll, manchmal schrill oder wechselnd.
Er wird lauter in Stressphasen oder bei innerem Druck.
Hier meldet sich Spannung.
Ein Zeichen dafür, dass Ausgleich fehlt.
Dass etwas weiterfließen möchte.
Was die Leber entlastet
Die Leber liebt Bewegung.
Nicht im Sinne von Leistung, sondern im Sinne von Durchlässigkeit.
Viele Menschen merken eine Veränderung, wenn sie dem Körper regelmäßig Bewegung geben:
Spazierengehen, Gartenarbeit, Sport, alles, was den Druck nach unten bringt und wieder in Fluss verwandelt.
Auch Ernährung kann die Leber unterstützen.
Leicht saure und bittere Geschmäcker wirken oft regulierend.
Typische Tees für die Leber sind Chrysanthemen-Tee, Pfefferminze.
Und manchmal ist der wichtigste Punkt nicht das Essen, sondern der innere Umgang mit Stress:
Was trage ich?
Wo halte ich fest?
Wo ist Spannung zur Gewohnheit geworden?
Die Leber wird ruhiger, wenn das Leben wieder Luft bekommt.
Die Milz – die Mitte, die alles zusammenhält
Zwischen Tiefe und Bewegung liegt die Mitte.
Die Milz gehört zum Erde-Element.
Sie ist zuständig für Verarbeitung –
von Nahrung, Eindrücken, Gedanken und Erlebtem.
Aus dem Aufgenommenen formt sie Qi und Blut.
Ist diese Mitte stabil, entsteht Klarheit.
Im Körper wie im Geist.
Wenn Verarbeitung stockt – und sich etwas ansammelt
Gerät die Milz aus dem Gleichgewicht, verliert sie ihre ordnende Kraft.
In der chinesischen Medizin spricht man dann von Feuchtigkeit –
und, wenn sie dichter wird, von Schleim.
Dieser Zustand kann sich sehr unterschiedlich zeigen.
Manche Menschen spüren von Anfang an Schwere oder Druck.
Andere nehmen zuerst feine Veränderungen wahr – Unklarheit, Benommenheit oder ein Geräusch im Ohr.
Tinnitus kann Teil dieses Bildes sein.
Er muss es nicht.
Wenn Schleim fein ist, äußert er sich oft als hohes Fiepen –
wie das Summen eines alten Fernsehers im Hintergrund.
Mit der Zeit kann sich dieses Empfinden verdichten und schwerer werden.
Schleim ist in der chinesischen Medizin immer ein Hinweis darauf,
dass etwas geklärt, vereinfacht und wieder in Bewegung gebracht werden möchte.
Was der Milz gut tut – und was sie überfordert
Die Milz liebt Wärme, Einfachheit und Rhythmus.
Was sie stärkt:
gekochte, warme Mahlzeiten,
regelmäßige Essenszeiten,
einfache, nährende Gerichte,
aromatische Gewürze wie Koriander, Kreuzkümmel, Kardamom oder Muskat.
Was sie überfordert:
rohe Nahrung,
kalte Speisen und Getränke,
Smoothies,
häufiges Snacken,
Kuhmilchprodukte.
Nicht, weil diese Dinge grundsätzlich problematisch sind,
sondern weil sie viel Umwandlungsarbeit erfordern –
vor allem dann, wenn die Mitte bereits geschwächt ist.
Wie ich mit diesen Mustern arbeite
Die Muster, die hier beschrieben sind, lassen sich nicht mit einem einzelnen Impuls verändern.
Sie sind über Zeit entstanden – und sie dürfen sich über Zeit wieder ordnen.
In meiner Arbeit verbinde ich die Theorie der chinesischen Medizin mit dem, was sie im Alltag lebendig macht.
Es geht nicht darum, Wissen anzusammeln.
Es geht darum, es zu verkörpern.
Die Workbooks sind entlang der Wandlungsphasen aufgebaut.
Sie greifen die Themen der jeweiligen Organsysteme auf
und übersetzen sie in konkrete, alltagstaugliche Schritte.
Bei Nieren und Milz findest du unter anderem:
klare Lebensmittellisten,
Orientierung für nährende, stärkende Ernährung,
Hinweise, was im Alltag eher entlastet als zusätzlich fordert.
Ein Leber-Workbook folgt im März –
passend zur Zeit des Holzes, zur aufsteigenden Bewegung und zu den Themen von Spannung und Ausdruck.
Alle Workbooks verbinden:
Theorie,
Journaling,
wöchentliche Schwerpunkte,
sanfte Übungen zur Selbstwahrnehmung.
Nicht als starres Programm.
Sondern als Einladung, den eigenen Körper besser zu verstehen
und Veränderung von innen heraus zu begleiten.
Zu den Workbooks
Nieren-Workbook – Aufbau, Substanz, Tiefe
Mehr zum Workbook
Milz-Workbook – Mitte, Verdauung, Verarbeitung
Mehr zum Workbook
Leber-Workbook – Bewegung, Spannung, Ausdruck
erscheint im März
Mitgliedschaft – Begleitung durch die Wandlungsphasen
Information zur Mitgliedschaft
Wer hier schreibt
Ich arbeite seit über zehn Jahren mit chinesischer Medizin (Akupunktur und chinesische Arzneimitteltherapie) in eigener Praxis.
Was mich bis heute daran fasziniert, ist nicht nur ihre Tiefe,
sondern ihre Fähigkeit, Zusammenhänge sichtbar zu machen.
Chinesische Medizin betrachtet den Menschen nicht als Sammlung von Symptomen,
sondern als lebendigen Prozess.
Sie verbindet Körper, Emotionen, Lebensphasen und Rhythmus
und eröffnet Wege, Veränderung von innen heraus zu begleiten.
Diese Haltung prägt meine Arbeit, meine Texte und die Workbooks.
Sie entstehen aus Praxis, Erfahrung und dem Wissen,
dass der Körper immer in Beziehung steht –
und dass Verstehen ein erster Schritt zur Veränderung sein kann.



