Mit anderen Augen sehen
Eine Serie über Chinesische Medizin – Teil 1: über Körper, Beziehungen und innere Zusammenhänge
Sich der chinesischen Medizin nähern – eine andere Landkarte, eine andere Sprache
Die chinesische Medizin wird seit über zweitausend Jahren praktiziert. Sie basiert auf einem Verständnis von Körper, Leben und Gesundheit, das sich vom westlichen unterscheidet. Es geht dabei nicht darum, Wissenschaft oder Biologie zu ersetzen, sondern eine zusätzliche Perspektive einzunehmen.
Der Körper wird hier nicht als Maschine betrachtet, sondern als lebendiges Gefüge, in dem alles miteinander verbunden ist: Gefühle, Rhythmen, Ernährung, Atmung, Beziehungen, Schlaf. Die chinesische Medizin bewegt sich zwischen sehr einfachen und sehr komplexen Ebenen – eine Tasse Tee kann eine Form von Behandlung sein, und auch schwerwiegende Erkrankungen werden über Bewegung, Veränderung und Gleichgewicht verstanden.
Für alle, die tiefer einsteigen möchten
Auf meiner Substack-Seite gibt es regelmäßig weiterführende Texte für Mitglieder (9 € im Monat). Dort findest du u. a. Arbeitsbücher zu den Fünf Elementen und Organen mit Reflexionsfragen, Journaling-Übungen und praktischen Anleitungen. Außerdem erhältst du Zugang zu Texten über Ernährung, Emotionen und den Einfluss der Jahreszeiten – aus Sicht der chinesischen Medizin.
Über die Artikelserie
Diese Serie ist eine Einführung in die grundlegenden Begriffe und Denkweisen der chinesischen Medizin. Sie richtet sich an Menschen, die neugierig sind – Vorkenntnisse sind nicht notwendig. Ziel ist es, die Grundlagen so zu erklären, dass sie verständlich und nachvollziehbar werden.
Wir beginnen mit den Grundsubstanzen, durch die der Körper beschrieben wird: Qi, Blut, Jing, Shen und Jin Ye. In den nächsten Teilen folgen Themen wie:
die inneren Organe und ihre Funktionen (Zang Fu)
die acht diagnostischen Kriterien (Ba Gang)
Grundlagen der Zungendiagnose
eine Einführung in Krankheitsmuster und Ungleichgewichte
und schließlich: wie du selbst beginnen kannst, deine eigene Balance zu verstehen
Hinweis: Die Diagnostik in der chinesischen Medizin ist komplex und jede Person einzigartig. Bei gesundheitlichen Beschwerden solltest du dich immer an eine qualifizierte Therapeutin oder einen Therapeuten wenden.
Die Grundlagen der chinesischen Medizin – und warum es nicht nur um „Energie“ geht
Im Westen sehen wir den Körper in der Regel durch biologische und naturwissenschaftliche Konzepte: Zellen, Organe, Botenstoffe, Erkrankungen, die man lokalisieren und behandeln kann. Die chinesische Medizin arbeitet mit anderen Grundprinzipien: Beziehung, Rhythmus, Balance, Ganzheit.
In dieser Serie möchte ich die Grundlagen vorstellen – nicht, damit du alles im Detail beherrschst, sondern damit du vielleicht etwas wiedererkennst. In dir selbst, in anderen oder in der Art, wie du Gesundheit betrachtest.
Woraus besteht der Körper in der chinesischen Medizin?
Die chinesische Medizin beschreibt den Körper anhand von fünf fundamentalen Substanzen:
Qi – Bewegung, Wärme, Funktion
Blut (Xue) – Ernährung, Verankerung, Gefühl
Jing – Essenz, Konstitution, Lebenskraft
Shen – Bewusstsein, Geist, Präsenz
Jin Ye – Körperflüssigkeiten, Befeuchtung, Kühlung
Diese Substanzen stehen in Wechselwirkung, werden von verschiedenen Organen gebildet und beeinflussen sich gegenseitig. Mangel oder Störungen in einer Substanz können zu unterschiedlichen Beschwerden führen.
Qi – mehr als nur „Energie“
Das chinesische Schriftzeichen für Qi (氣) setzt sich aus „Reis“ und „Dampf“ zusammen – ein Bild für etwas, das sich verwandelt, aufsteigt und trägt. Qi ist keine greifbare Substanz, sondern eine Funktionsweise: Bewegung, Transformation, Schutz, Kommunikation, Wärme.
Qi wird im Westen oft mit „Lebensenergie“ übersetzt, doch es beschreibt viel mehr. Es ist das, was die Verdauung antreibt, den Körper vor äußeren Einflüssen schützt, die Weitergabe von Signalen ermöglicht und Wärme erzeugt.
Qi ist in jeder Bewegung, jedem Gedanken, jedem Atemzug spürbar. Fehlt der Kontakt zum Qi, fühlen wir uns oft erschöpft, blockiert oder „außer Fluss“.
Blut (Xue) – innere Nahrung und emotionale Verankerung
Das Schriftzeichen für Blut (血) zeigt ein Gefäß mit einem Tropfen – ein Hinweis auf die Substanz, die das Leben trägt.
Blut bedeutet in der chinesischen Medizin nicht nur die physische Flüssigkeit, sondern auch emotionale Verankerung, Gedächtnis, Ruhe. Ein starkes Blut schafft innere Stabilität, fördert Schlaf, Konzentration und Gelassenheit.
Ein Mangel dagegen führt zu Unruhe, Blässe, Vergesslichkeit oder innerer Unsicherheit.
Jing – Essenz, die ursprüngliche Konstitution
Jing (精) wird als Essenz beschrieben – die Basis, mit der wir geboren werden und die sich im Laufe des Lebens verbraucht. Jing zeigt sich in Entwicklung, Fruchtbarkeit, Alterungsprozessen, Knochenstruktur.
Starkes Jing äußert sich in Vitalität und innerer Stabilität. Jing lässt sich nicht beliebig auffüllen, aber durch gesunde Lebensführung, Ruhe und Einfachheit schützen.
Shen – das Bewusstsein, der Geist
Shen (神) beschreibt Bewusstsein, Geist und innere Klarheit. Shen macht sich im Blick, in der Präsenz und in der Fähigkeit bemerkbar, in Beziehung zu treten.
Shen „wohnt“ im Herzen, wird aber von allen anderen Substanzen beeinflusst. Ohne Qi, Blut und Jing fehlt ihm Halt.
Ein ausgeglichenes Shen zeigt sich in Klarheit, Ruhe und einem lebendigen Ausdruck.
Jin Ye – Körperflüssigkeiten
Jin Ye (津液) bezeichnet die Körperflüssigkeiten, die befeuchten, kühlen und schützen: Speichel, Schweiß, Gelenkflüssigkeit, Tränen. Auch hier wird nicht nur die physische Funktion gemeint, sondern auch das Gefühl von Geschmeidigkeit, Fluss und innerer „Feuchtigkeit“.
Ein Mangel führt zu Trockenheit, spröder Haut, Heiserkeit, Verstopfung oder innerer Anspannung.
Zusammenfassung und Ausblick
Die Betrachtung dieser fünf Substanzen ist ein erster Schritt. Im Alltag wirken sie jedoch stets gemeinsam und bilden zusammen die Grundlage unserer Gesundheit.
Im nächsten Teil der Serie geht es deshalb um die Organe der chinesischen Medizin (Zang Fu) – und darum, wie sie mit den Substanzen verflochten sind.



