Der Kaiser und die Fähigkeit zu unterscheiden
Die Organe der chinesischen Medizin: Herz & Dünndarm, Perikard & San Jiao
Der Kaiser im Körper
In der Chinesischen Medizin ist das Herz weit mehr als ein Organ, das Blut pumpt – es ist der Kaiser des Körpers. Man sagt, dass alle anderen Organe auf das Herz hören, wie Minister in einem Hofstaat. Ist der Kaiser in Balance, herrschen Ordnung und Harmonie im Reich. Beginnt der Kaiser jedoch zu zittern, ist das gesamte System betroffen.
Die wichtigste Aufgabe des Herzens ist es, das Blut zu steuern. Es empfängt nährendes Qi von Milz und Lunge, wandelt es in Blut um und lässt es im ganzen Körper zirkulieren. Das Herz verleiht dem Blut seine Lebenskraft, seine rote Farbe. Doch Blut ist nicht nur Biologie – es trägt auch das Bewusstsein. Fließt es frei, fühlen wir uns sicher, klar und präsent. Ist es geschwächt, entstehen Unruhe, Rastlosigkeit und das Gefühl, den Boden zu verlieren.
Mindestens ebenso wichtig ist die zweite Aufgabe des Herzens: es beherbergt den Shen – unser Bewusstsein, unsere „Seele“ oder unser geistiges Leuchten. Shen ist das, was sieht, liebt, denkt, fühlt, im Augenblick lebt. Er strahlt durch unsere Augen, wenn wir lebendig, präsent und liebevoll sind. Und er zieht sich zurück, wenn wir traumatisiert, geschockt oder in uns verschlossen sind.
Wenn das Herz in Balance ist, erleben wir Freude. Nicht oberflächlich als Euphorie, sondern als tiefe, warme, stille Freude – ein Gefühl von Zugehörigkeit, Geborgenheit und Liebe.
Herz und Ausdruck
In der Chinesischen Medizin heißt es, das Herz öffne sich in der Zunge – wörtlich und bildlich. Die Zunge spiegelt den Zustand des Herzens: in ihrer Farbe, Bewegung und Klarheit. Ist die Herzenergie harmonisch, sprechen wir klar, hören zu, drücken uns aus. Wenn der Kaiser wankt, stolpern wir über Worte, reden zu schnell – oder verstummen.
Der Berater an der Seite: der Dünndarm
Der Dünndarm ist kein „Verdauungsorgan“ im westlichen Sinn, sondern eine subtile Begleitung des Herzens. Seine Aufgabe: das Reine vom Unreinen zu trennen – physisch, mental, emotional.
Physisch filtert er Nährstoffe. Auf seelischer Ebene hilft er uns, Klarheit zu finden: Was gehört zu mir? Was lasse ich los? Was ist wahr, was verwirrend?
Ist die Funktion des Dünndarms stark, haben wir innere Klarheit und wissen, was wir wollen. Ist er geschwächt, vermischen sich rein und unrein – wir übernehmen zu viel, verlieren Orientierung oder werden überwältigt von Emotionen und Informationen.
Gemeinsam ermöglichen Herz und Dünndarm ein Leben „mit dem Herzen voraus“: Freude empfinden, verbunden sein – und zugleich unterscheiden können, was wir behalten und was wir loslassen.
Perikard & San Jiao – der Torwächter und der innere Bote
Wenn das Herz der Kaiser ist, dann ist das Perikard sein Leibwächter. Westlich gesehen ist es „nur“ eine Hülle, in der Chinesischen Medizin aber ein eigenes Organ mit hohem Rang. Es schützt das Herz – körperlich wie seelisch.
Es hält Krankheitsfaktoren ab, ebenso wie emotionale Überlastung. Es entscheidet, welche Gefühle wir zulassen und welche wir abwehren – bis wir bereit sind. Durch das Perikard öffnen wir uns für Nähe, Liebe, Intimität. Doch auch das Schließen geschieht hier, wenn wir verletzt oder bedroht sind.
Ist das Perikard belastet, zeigt sich dies in Herzklopfen, Angst oder Schwierigkeiten, Vertrauen und Nähe zuzulassen.
An seiner Seite steht der geheimnisvollste Organfunktionskreis der Chinesischen Medizin: der San Jiao. Er ist keine sichtbare Struktur, sondern ein Netzwerk, das die drei Ebenen des Körpers verbindet: oben Herz und Lunge, in der Mitte Milz und Magen, unten Nieren, Blase und Fortpflanzung.
San Jiao koordiniert Fluss, Wärme, Qi und Flüssigkeiten. Er ist der Bote, der Botschaften in alle Teile des Körpers trägt. Er reguliert die Wasserwege, sorgt für Beweglichkeit und Integration. Wenn er nicht funktioniert, fühlen wir uns blockiert, geschwollen, zersplittert oder unverbunden.
Zusammen halten Perikard und San Jiao das System offen und zugleich zusammen: sie sind Wächter und Mittler, Grenzen und Verbindungen.
Ausblick
Im nächsten Teil der Serie geht es weiter mit den Organen des Erdelements – Milz und Magen.
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