Die Essenz des Erbes
Wie TCM Erbkrankheiten interpretiert – und was wir selbst beeinflussen können.
Jing, Gene und Erbkrankheiten – eine chinesische Perspektive
Wenn wir in der chinesischen Medizin über Erblichkeit, Konstitution und die Informationen sprechen, die über Generationen weitergegeben werden, sprechen wir über Jing.
Nicht über Chromosomenkarten oder Genlabore – sondern über eine tiefste, tragende Substanz unseres Lebens.
Was Jing ist – und was es speichert
Jing wird oft als „Essenz“ bezeichnet.
Es ist die Substanz, mit der wir geboren werden – die Grundlage unserer Vitalität, Entwicklung, Widerstandskraft und unserer besonderen Stärken, aber auch unserer Empfindlichkeiten.
In Jing ist alles gespeichert, was unsere Eltern, Großeltern und Ahnen in sich getragen haben: körperliche Veranlagungen, bestimmte Anfälligkeiten, aber auch emotionale Prägungen und Traumata.
Das bedeutet nicht, dass all dies sich zeigen muss – aber es existiert als Information in unserer Basis.
Wir kommen mit einer bestimmten Menge Jing zur Welt. Diese Menge nimmt im Laufe des Lebens langsam ab – und lässt sich nicht einfach wieder auffüllen. Genau deshalb ist Jing so wertvoll.
Wie Jing genutzt wird – und warum es manchmal schneller schwindet
Im Alltag lebt der Mensch eigentlich nicht direkt von Jing.
Wir verwenden vor allem das Nachhimmels-Qi – Energie, die wir durch Ernährung, Atmung, Schlaf, Rhythmus und Lebensstil fortlaufend neu erzeugen.
Jing wird vor allem dann in Anspruch genommen, wenn der Alltag uns mehr kostet, als wir über diese Quellen wieder aufbauen können.
Wenn Verletzungen, Krisen oder Erschöpfung tiefer gehen als das, was unser tägliches Qi tragen kann.
Dadurch kann Jing rascher schwinden, wenn wir mit wenig Jing geboren wurden, wenn in der Familie starke Belastungen liegen, wenn unverarbeitete Traumata wirken oder wenn unser Lebensstil dauerhaft Substanz kostet.
Wird Jing schwächer, kann das, was darin angelegt war, an die Oberfläche treten.
In der chinesischen Medizin bedeutet das: Erbkrankheiten oder angelegte Muster können sich ausdrücken.
Die Parallele zur modernen Genetik
Die westliche Medizin weiß heute:
Gene tragen Informationen über Krankheiten, und sogar Traumata können epigenetisch weitergegeben werden.
Aber:
Ein Gen ist kein Schicksal.
Ein defekter Chromosomenabschnitt muss sich nicht manifestieren.
Genau das beschreibt die chinesische Medizin seit Jahrtausenden:
Jing enthält die Information – aber ob sie sichtbar wird, hängt vom Leben ab.
Die besondere Rolle der Nieren
In der chinesischen Medizin wird Jing in den Nieren gespeichert.
Sie bilden die Wurzel des gesamten Organismus – die tiefste Grundlage von Wärme, Kraft, Entwicklung und Stabilität.
Wenn diese Basis schwach ist, verlieren andere Systeme ihre Verankerung.
Anlagen, die lange still waren, können sich dann leichter zeigen.
Darum spielt die Stärkung der Nieren bei konstitutionellen und erblich bedingten Mustern eine zentrale Rolle.
Was bedeutet das nun für die Behandlung von Erbkrankheiten?
Die chinesische Medizin kann Erbkrankheiten nicht auslöschen – aber sie kann sie behandeln, modulieren und ihren Ausdruck beeinflussen.
Sie sieht dabei zwei Ebenen:
1. Dort behandeln, wo die Krankheit sichtbar wird – mit Blick auf die Wurzel
Auch wenn die Ursache im Jing liegt und damit in den Nieren, zeigen sich erblich angelegte Erkrankungen selten direkt dort.
Sie können sich in ganz anderen Funktionskreisen ausdrücken: im Verdauungssystem, in der Leber, über Feuchtigkeit, Hitze, Schwäche oder Blockaden an ganz anderer Stelle.
Das sind nur Beispiele – die Ausdrucksformen sind vielfältig und höchst individuell.
Darum beginnt die Behandlung oft genau dort, wo sich das Muster zeigt:
in dem Organ, das betroffen ist, im spezifischen Muster, das den Alltag prägt.
Das ist der Zweig.
Gleichzeitig bleibt klar:
Die Wurzel liegt tiefer – im Jing und in der Nierenenergie.
Und diese Wurzel zu stärken ist notwendig, damit der Körper langfristig stabil bleibt.
2. Die Wurzel stärken – die Nieren und die Lebensgrundlage
Wenn die akuten Beschwerden behandelt und stabilisiert sind, braucht die Wurzel Unterstützung.
Sonst greift der Körper weiter auf Jing zurück, um den Alltag zu bewältigen.
Das bedeutet:
• Ernährung, die Qi aufbaut
• ausreichend Schlaf und Wärme
• ein Lebensstil, der Substanz bewahrt
• gezielte Methoden, die die Nieren stärken und Jing schützen
Erst wenn genügend alltägliche Energie vorhanden ist, muss der Körper nicht ständig aus der Essenz schöpfen – und der Verlauf erblich angelegter Krankheiten kann sich deutlich mildern.
Der Same ist bereits gepflanzt – ihn können wir nicht verändern.
Aber wir können eine Umgebung schaffen, in der der Baum gesund und kraftvoll wachsen kann.
Was kann ich also tun, wenn ich weiß, dass meine Nieren schwach sind – oder wenn ich ein konstitutionelles Muster trage?
Genau dieser Frage widme ich mein neues Workbook.
Am 01.12. erscheint das neue Workbook „Nierenkraft“ –
eine fundierte, praxistaugliche Einführung in Jing, Nieren-Yin, Nieren-Yang, Ming Men und Yuan Qi
mit 4 Wochen Übungen, Reflexionen und einer Lebensmitteltabelle zur Stärkung der verschiedenen Aspekte der Nierenenergie.
Dieses Workbook ist dieses Mal besonders umfangreich: über 40 Seiten – voll mit Verständnis, Tiefe und alltagstauglicher Anwendung.
Zur Erinnerung:
Bis zum 30.11. steht das Metall-Workbook weiterhin für Wandelwerk-Mitglieder (18 euro monatlich) als Download zur Verfügung.
Auch neue Leser:innen, die bis zum 30.11. in die Mitgliedschaft kommen, erhalten Zugriff auf den Download.



